Das Bewerber-Logo
Polen und die Ukraine bewerben sich gemeinsam um die Austragung der Fußball-Europameisterschaft 2012. In einem Beitrag für den deutsch-polnischen Infodienst "Spotkanie" der DPG Berlin schildert Andreas Schluricke den Stand der Vorbereitungen.
„Wenn wir alle unsere Arbeit machen, werden wir erfolgreich sein.“ Kazimierz Marcinkiewicz, Premierminister Polens, blickt bei diesen Worten ebenso entschlossen wie auffordernd in die vielen Kameras, die ihm gegenüber stehen. Allerdings geht es diesmal weniger um hohe Politik. Es geht nicht um Steuern, Renten oder neue Gesetze – es geht um die „schönste Nebensache der Welt“. Es geht um Fußball.
Kaum ist die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland Geschichte, richtet sich der sportpolitische Blick unserer Nachbarn in eine noch fern scheinende Zukunft. Im Jahr 2012 möchte Polen gemeinsam mit der Ukraine Gastgeber der Fußball-Europameisterschaft sein. Noch laufen die Vorbereitungen mehr oder minder unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit des Landes. Auch mancher Repräsentant Polens zuckt erst mal ratlos mit den Schultern, spricht man ihn auf die polnische Bewerbung um den prestigeträchtigen Wettbewerb an. Doch hinter den Kulissen arbeiten die Experten umso resoluter.
Die Zeit läuft
Im November vergangenen Jahres gab der europäische Fußballverband, die UEFA, den Startschuss. Die Länder, die sich um die Austragung des Wettbewerbs bewerben wollten, erfuhren den Zeitplan und den Kriterienkatalog, nach dem die UEFA die einzelnen Bewerbungen beurteilen wird. Und was die Anforderungen an die Gastgeber betrifft, steht der europäische Verband der FIFA kaum nach, die mit ihren Bestimmungen für die WM in Deutschland gerade viel Kritik geerntet hat.
So müssen die Bewerber für die EM nicht nur die Unterstützung der nationalen und regionalen Regierungen nachweisen, Spielstätten, Transportkapazitäten, Unterkünfte und Sicherheitsvorkehrungen dokumentieren. Sie müssen – wie bei der FIFA – auch gewährleisten, dass die exklusiven Übertragungs-, Werbe- und Logorechte, die die UEFA vergibt, gesichert sind. All dies und noch manche andere Anforderung mussten die Bewerberländer bis Ende Mai in ihren Bewerbungsdokumenten nachweisen. Polen und die Ukraine haben dies pünktlich und umfassend getan. Die nächste Hürde wartet nun im September, wenn die Prüfungskommission des Fußballverbandes die gemeldeten Spielstädte und Stadien vor Ort in Augenschein nimmt und sich ein letztes Bild vor der endgültigen Entscheidung am 8. Dezember 2006 machen wird.
Harte Konkurrenz – solide Vorbereitung
Fußball ist heute auch ein Geschäft. Und so kann mit der Austragung eines internationalen Wettbewerbs nicht nur das Renommee eines Landes deutlich aufgebessert werden. Es geht auch um viel Geld, das ins Land fließt und die positiven Auswirkungen auf die nationale Infrastruktur. Nach dem Wettbewerb bleiben schließlich nicht nur moderne, sanierte Stadien zurück, sondern auch instandgesetzte Strassen, Nah- und Fernverkehrsverbindungen. Es lohnt sich also, Austragungsort zu sein und so ist die Konkurrenz für Polen und die Ukraine hart. Zwei weitere Bewerber haben es in die nun laufende Schlussrunde geschafft: Kroatien und Ungarn haben sich ebenfalls gemeinsam um die Austragung der EURO 2012 beworben, dritter im Kandidatenbunde ist Italien.
Polen lässt sich den Wettbewerb um den Wettbewerb durchaus einiges kosten. „Die Regierung hat 10 Millionen Zloty für das Jahr 2006 als spezielle Reserve in den Landeshaushalt eingestellt“, verkündete Premier Marcinkiewicz Ende vergangenen Jahres. „Die Regierung hat im Rahmen der Bewerbung ihre Zusage gegeben, vier moderne Fußballstadien im Land und ein Nationalstadium zu errichten. Diese Aktivitäten können zu einem guten Ergebnis führen“, so der optimistische Premier.
Von Poznan bis Chorzow – hoffen auf die EM
Die ersten Entscheidungen fielen im April. Das nationale, polnische Bewerbungskomitee musste die Wahl treffen, welche Städte als Austragungsorte der EM-Spiele in Polen in Frage kommen. Wieder musste ein Kriterienkatalog her, der die unterschiedlichen Anforderungen an die Städte – Zustand der Stadien, Hotelkapazitäten, Verkehrsinfrastruktur, Erfahrungen bei der Ausrichtung internationaler Großveranstaltungen – zusammenfasste.
Sieger dieses nationalen, polnischen Wettlaufs wurde die westpolnische Metropole Posen.. Besonders überzeugte das Posener Konzept für das EM-Stadion. Warschau und Danzig folgten, wobei Warschaus Plus das große Angebot an Unterkünften und Danzig vielfältige Erfahrungen mit Grossveranstaltungen nachweisen konnten. Breslau, Krakau und Chorzow komplettieren das Feld der möglichen, polnischen Spielorte.
„In der Bewerbung beim Exekutivkomitee waren die Hotelkapazitäten und der Zustand des Transportsystems die Schwachstellen“, gibt Piotr Gawron vom polnischen Fußballverband zu.
Neben den konkreten Vorbereitungen setzten Polen und die Ukraine bei ihrer Bewerbung aber auch noch auf ein langfristiges Konzept, mit dem in beiden Ländern der Fußball in der Zukunft entwickelt werden soll. Natürlich wird dabei schwerpunktmäßig auf die Jugend gesetzt. Mit Hilfe von regionalen Jugendfußball-Trainingszentren soll der Nachwuchs gezielt gefördert werden. Die gesundheitliche, soziale und auch erzieherische Bedeutung des Sports soll noch stärker betont werden. Polnische Trainer aus allen Verbandsbereichen sollen an den internationalen Austauschprogrammen der UEFA teilnehmen und so europäische Erfahrungen in die Arbeit vor Ort einbringen.
Die Entscheidung
Fünf Monate bleiben dem Verband PZPN und seinen Mitstreitern, die europäischen Fußballmächtigen vom gedanklichen Charme und der professionellen Vorbereitung der gemeinsamen Bewerbung mit der Ukraine zu überzeugen. Was wäre das für ein Signal der UEFA, sich mit einer solchen Vergabe bewusst für den Osten des Kontinents zu entscheiden.
Doch bis zum 8. Dezember warten noch viele Unwägbarkeiten. Auch UEFA-Repräsentanten sind aber nur Menschen. Sie haben harte Fakten in den Bewerberunterlagen aller drei Kandidaten. Doch natürlich spielen auch Emotionen eine Rolle. Sympathien und Antipathien, sicher auch aktuelle Ereignisse werden die Entscheidung beeinflussen. Und so gibt es einen Gegner, den die Verantwortlichen scheinbar nicht in den Griff bekommen: die polnischen Fußball-Hooligans. Zwar haben gerade bei der Fußball-WM in Deutschland die wahren Fußballfans unseres Nachbarlandes bewiesen, dass sie friedlich feiern und ihr Team unterstützen, wie die Fans anderer Nationen auch. Doch wiederholen sich die Jagdszenen verfeindeter Fangruppen, wie zum Saisonende im Frühsommer in Warschau, sinken die Chancen der Bewerbung sicher deutlich. Gerade dem Sicherheitskonzept der polnisch-ukrainischen Bewerbung wird wohl das besondere Augenmerk der UEFA gelten.
Nun machen hoffentlich alle, im Sinne des polnischen Premiers, ihre Arbeit. Und wenn die dann im Dezember vom Erfolg gekrönt sein sollte, können wir uns alle ja vielleicht darauf freuen, wenn eines der nächsten deutsch-polnischen Fußballduelle im nahen Posen stattfindet. Bei der EM 2012 in Polen und der Ukraine.
Weitere Informationen: www. E2012.org