
Symbolik wiegt manchmal schwer. Ausgerechnet ein historischer Dampfeisbrecher mit bewegter deutsch-polnischer Vergangenheit ging am 13. Mai im Historischen Hafen Berlins vor Anker. Die „Kuna“ (polnisch für Marder) präsentierte sich auf Initiative der „Berlin-Brandenburgischen Schifffahrtsgesellschaft“ dem interessierten Publikum und lud zu einer Fahrt auf Berliner Gewässern ein. Eis gibt es im deutsch-polnischen Verhältnis dieser Tage wohl noch nicht zu brechen. Aber die „Kuna“ steht sicher für viele, bemerkenswerte Projekte aus der Mitte der Zivilgesellschaft in Polen und Deutschland, die sich von so mancher dunklen Wolke am Horizont der großen Politik nicht beeindrucken lassen.
Kapitän Jerzy Hopfer erzählte in seinen Begrüßungsworten kurz die lange Geschichte des Schiffes. Erbaut wurde es im Jahr 1884 in der „Danziger Schiffswerft und Kesselschmiede F. Devrient“ für die Königlich-Preussische Weichselstrombauverwaltung. Zu dieser Zeit trug es den Namen „Ferse“, nach „Wierzyca“, einem Nebenfluss der Weichsel.
In den kommenden Jahrzehnten sollte das Schiff fünfmal seine Nationalflagge wechseln, unter der es auf den Gewässern fuhr. Bis 1920 war dies die preußische Flagge, gefolgt von der Flagge der Freien Stadt Danzig in den Jahren 1920 bis 1939. In den Jahren 1939 bis 1945 wehte die Fahne des 3. Reiches am Heck des Schiffes.
Im Mai 1945 rettete die Besatzung des Schiffes, damals von Hamburg aus, letzte Flüchtlinge aus Danzig über die Ostsee. Es wurde von den Briten übernommen und als Schiff der Royal Navy mit dem Union Jack ausgestattet. Erst 1947 kehrte das Schiff nach Danzig zurück, wurde der polnischen Verwaltung übergeben, überholt und 1948 in seiner alten Heimat auf der Weichsel wieder in Betrieb genommen.
Im Jahr 1965 kam dann das scheinbare Ende der „Kuna“. Der Dienst als Eisbrecher wurde beendet, die Technik ausgebaut und der leere Rumpf nach Gorzow geschleppt und abgewrackt. Fast zwanzig Jahre lang lagen die Reste des Schiffes unter Wasser, bis sich 1998 der neu gegründete „Verein der Gorzower Wasserfreunde“ der „Kuna“ annahm. Das Schiff sollte restauriert werden, doch es fehlten Baupläne und Bilder zur genauen Rekonstruktion. Erst durch die vielfältigen Kontakte der Wasserfreunde gelang es, Baupläne zu beschaffen und mit dem Wiederaufbau der „Kuna“ zu beginnen. Viele ehrenamtliche Helfer sowie die Gemeinden Gorzow und Santok engagierten sich und binnen sieben Jahren bekam das Schiff ein „zweites Leben“.
Heute ist die „Kuna“ ein Ausbildungsschiff und dient als mobiles Museum, auf dem Ausstellungen die ungewöhnliche und reiche Geschichte des Schiffes zeigen.
Kapitän Hopfer und seine kleine Crew möchten mit ihrer „Kuna“ ein Symbol für den Weg zu Freundschaft und einer aufgeschlossenen Weltanschauung sein. Ihr Besuch in Berlin, erste Auslandsstation des restaurierten Schiffes, war ein solches Symbol. Und zwar ein gelungenes.
Andreas Schluricke